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Zwei Jahre nach einem entsprechenden Stadtratsbeschluss wurde am 28. Mai 2013 der Pachtvertrag zwischen der Stadtverwaltung Halle (S.) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) für das Schulumweltzentrum Franzigmark geschlossen. Einige Wochen vorher gab es einen Besuchertag des Umweltzentrums, bei dem ich (D. S.) mit dem Mikrofon für Radio Corax unterwegs war.


19.10.19, 20:06:55

Kein CO2 mehr!


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Den Umschlagtitel von Wilko Müllers neuem Buch ziert eine Abbildung jener fliegenden Pyramiden, die im Text das Kohlendioxid aus der Luft filtern und es dauerhaft binden. Eine prosaische Variante der Forderung "Kein CO2 mehr!", die bei einer Fridays-for-Future-Demonstration in Münster minutenlang begeistert gesungen wurde. Ein brandaktuelles Thema, trotzdem ist der "Letzte Zeitläufer" im Bücherstapel auf meinem Nachttischchen mehrmals nach unten gewandert. Das lag daran, dass die Handlung lange nicht in Gang kommt. Im Prolog wird zwar das Erscheinen des extradimensionalen allmächtigen "Dings ohne Namen" angekündigt, aber dann geht es dutzende Seiten erst einmal um Zuzahlverlage, eine marode Druckerei und Urlaubsausflüge einer Kleinfamilie auf Zypern.
Familienvater Martin W. Melnik hat zwar manchmal bedrohliche Träume, aber auf Seite 70 meckern sie immer noch über das Hotelfrühstück. Auf Seite 75 erscheint endlich der graue Typ im Philip-Marlowe-Trenchcoat und mit Schlapphut. Der ist so etwas wie der V-Mann-Führer der Zeitläufer, zeitreisender Superhelden im Auftrag des Dings ohne Namen, einer Mischung aus extradimensionalem Weltgeist und mörderischem Sektenguru. Man erfährt, dass Martin W. Melnik der letzte Zeitläufer ist. Wilko Müllers Zeitläufer sind eher traditionelle Zauberer und Hexen mit Harry-Potter-Allüren. Vor zehn Jahren haben vier von ihnen einen durchgeknallten Schwarzmagier gejagt und schließlich auch zur Strecke gebracht. Drei Zeitläufer wussten zuviel und wurden danach vom Weltgeist in abgelegene Dimensionen verbannt. Martin W. Melnik wurde in einer Art Zeugenschutz-Progamm in einem miesen Druckkostenzuschuss-Verlag untergebracht. Jetzt soll er wieder mal die Welt retten:
Auf einem Ausflug gelangen die Melniks durch eine Schlucht in eine unterirdische Höhle, wo sie das verbotene Buch der Schwarzen Magie wiederfinden: Martin wird zum Schwarzmagier, Andrea zur Hexe und auch Sohn Lars bekommt ein paar magische Fähigkeiten ab. Der Weltgeist spendiert gleich mal 10 Millionen Euro und die Kleinfamilie macht sich das apokalyptische Weltbild der Sekte ohne Namen zueigen, in dem es gilt, die Welt vor dem Untergang durch den Menschen-gemachten Klimawandel zu retten. Der Weltsekten-Obermotz spendiert noch einmal 40 Millionen Euro für die Gründung eines Umweltinstituts auf Zypern. Doch zunächst geht es mit schlichten politischen Morden weiter: Trump und sein Vizepräsident werden aus der Ferne totgezaubert, wenig später auch Putin, Kim Jong-un und eine iranische Führungskraft. Das ist erkennbar der Glaube an die großen Männer, welche die Geschichte lenken. Wenn sie einen Kopf kürzer gemacht werden, sollte alles gut werden. Wird es aber nicht.
Nun sollen technische Utopien die Welt retten, etwa die CO2-Bindung in fliegenden, auf dem Kopf stehenden Pyramiden. Aus denen purzeln unten Betonköttel mit dauerhaft gebundenem CO2 heraus. Die Pflanzen, Algen und autotrophen Bakterien haben die Super-Erfinder nicht gefragt, denn so sehr im Überfluss ist deren Lieblings-Nährstoff nun auch wieder nicht vorhanden. Also müssen weitere Erfindungen her, bezahlen sollen sie die Superreichen.
Strafverschärfend kommt hinzu, dass nun auch noch (fast) der Dritte Weltkrieg ausbricht! In einer viel zu gerafften und lakonischen Sequenz erzählt Müller, wie Melnik mit seinem Zauberlehrbuch wenige Tage in die Vergangenheit reist, dort alle Atomsprengköpfe zu glibbrigem Schleim verhext und dann wie Marty McFly zurück in die Zukunft rast.
Nun kann die Erfinderei weitergehen - mit Steuermitteln, denn inzwischen wird weltweit der CO2-Ausstoß besteuert, der Methan-Ausstoß anscheinend nicht. Dabei ist das Zauber-Umweltinstitut durchaus auf der richtigen Spur, dem Klimawandel global zu begegnen, anstatt nur in Deutschland. Plastik in den Weltmeeren wird als Problem erkannt, Bodenversiegelung nicht, auch die Wüsten-Ausbreitung bleibt unbeackert. Das Buch endet mit zwei weiteren, erzählerisch völlig willkürlichen Phantastereien, denn dank extradimensionalem Technologietransfer können die zypriotischen Umweltforscher sich nun auch teleportieren und per Anti-Schwerkraft herumschweben.
Die superreiche Kleinfamilie Melnik mag nicht schweben. Im geleasten Privatjet düsen sie zwischen Deutschland und Zypern hin und her. In Berlins Speckgürtel fahren sie einen SUV Duster, auf Zypern einen Jeep Renegade. Ihr Luxus-Anwesen in den Bergen der Insel hat einen Dienstboten-Eingang für das Hauspersonal und eine Doppelgarage für den Dritt-SUV der Frau des Hauses. Das hier vorgeführte Leben ist wohl am ehesten mit dem feudalen Gehabe russischer Oligarchen auf Zypern zu vergleichen, dem es wohl auch abgeschaut ist.
Trotzdem sind diesem zwiespältigen Buch mehr Leser zu wünschen, denn wie der synthetische Soßenbinder eines faulen Fernsehkochs verbindet es völlig gegensätzliche Bestandteile der inzwischen gnadenlos zerrissenen Meinungs-Landschaft in den Zeiten des "Klimapakets".

"Der letzte Zeitläufer" von Wilko Müller jr. ist in der Edition Solar-X Zossen erschienen und kostet 10,- €.


10.11.16, 22:32:03

Nackt durch Marrakesch


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Bundesumweltministerin Barbara Hendricks muss diese Woche ohne deutschen Klimaschutzplan zur UN-Klimakonferenz nach Marokko fliegen. Schon im Vorfeld wurde ihr ambitionierter Plan sabotiert, in einer Weise, wie sie nur die Satiriker von der Heute-Show erfreuen konnte. (O-Ton)
Zwischenzeitlich bemühten sich Expertenrunden, den von den Politikern durchlöcherten Klimaplan wieder zu flicken. Kanzlerin Merkel sollte ein Machtwort sprechen, tat es aber nicht. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sorgte dann dafür, dass sich seine Genossin Hendricks in Marrakesch blamieren wird. Einer der strittigen Punkte war wohl der unbegrenzte Aufschluss neuer Braunkohletagebaue. Die Linke im Bundestag fordert, den Klimaschutzplan nach der Konferenz von Marrakesch noch einmal in Ruhe zu verhandeln. Die grüne Klimaexpertin Annalena Baerbock übte im Deutschlandfunk heftige Kritik. (O-Ton)


20.10.16, 22:28:02

Reise in ein bestraftes Land


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Zwei Wochen auf der Krim, ein Rückblick im Gespräch bei Corax-Moderator Ben Lewy.


16.07.16, 19:21:58

Begegnungen auf einem Sonderweg


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Die Geschichte der schreibenden Arbeiter der DDR ist bisher weitgehend ungeschrieben. Einen grundlegenden Beitrag zu einer wissenschaftlichen Bestandsaufnahme dieser emanzipatorischen Strömung der DDR-Kulturpolitik legt nun Prof. Dr. Rüdiger Bernhardt vor: "Vom Schreiben auf dem Bitterfelder Weg" heißt sein 356-seitiges Buch mit dem Untertitel "Die Bewegung schreibender Arbeiter - Betrachtungen und Erfahrungen".
In vier umfangreichen Themenkomplexen nähert sich der Autor mittels kleiner werdender Einkreisungs-Bewegungen seinem Gegenstand. Fleißige Leser der DKP-Zeitung "Unsere Zeit" werden die meisten der zusammengestellten Texte schon kennen.
Das erste Kapitel ist Willi Bredel gewidmet, sicherlich ein "Ahnherr schreibender Arbeiter", wenn auch nicht aller. Vor dem Hintergrund des heraufziehenden Faschismus heroisierte Bredel seinen eigenen Kampf als Betriebsrat und späterer KPD-Funktionär. Seine "Maschinenfabrik N.&K." war der erste proletarische Betriebsroman. Sozialdemokraten hatten darin nichts zu lachen, als Hamburger war Bredel ein getreuer Anhänger der Thälmann-Linie.
Das zweite Kapitel umreißt die Grundzüge einer Geschichte der Bewegung schreibender Arbeiter. Während die Literarischen Salons später noch angemessen berücksichtigt werden, sucht der geneigte Leser die Arbeiterbildungsvereine vergebens. Dabei ist doch das Aufstiegsversprechen "Vom Arbeiter zum Astronomen" (Bruno H. Bürgel) dauerhaft nur in der sozialdemokratischen Version erhältlich, wenn auch mit sinkender Glaubwürdigkeit.
Nun geht es aber richtig los: die 1. Bitterfelder Konferenz ruft 1959 die Kumpel zur Feder. Wobei man die Thesen und Forderungen der Akteure nicht auf die Goldwaage legen sollte. Wie wohl überall schrieb auch in der DDR die große Mehrheit der nichtprofessionellen Autoren im stillen Kämmerlein für die redensartige Schublade. In einer experimentierfreudigen Phase der mittleren Ulbricht-Ära machte die Kulturbürokratie Literaturfreunden ein attraktives Angebot: literarische Bildung satt, repressionsarme Lese- und Gesprächsmöglichkeiten, alles freiwillig, dazu noch die eine oder andere Veröffentlichungsmöglichkeit.
Professionelle Autoren wandten sich der Bewegung schreibender Arbeiter zu, gingen wie Christa Wolf in die Brigaden, wurden Zirkelleiter wie Heiner Müller. Fast alle bekannten Namen der DDR-Literatur kamen irgendwann einmal mit den Zirkeln in Berührung. Viele lesende Arbeiter wurden zu schreibenden Arbeitern. Schreibende Schüler, Militärangehörige und Volkspolizisten strebten der 2. Bitterfelder Konferenz von 1964 entgegen. Immer war alles freiwillig: wer nicht am neuesten Auftragswerk für die Arbeiterfestspiele mitbosseln wollte, blieb entschuldigt zu Hause oder schmökerte in der Gewerkschaftsbibliothek. Gerne sah man sich in der Tradition literarischer Salons seit der frühen Neuzeit. Die Salons der Caroline Schlegel oder Rahel Varnhagen wurden als Vorbilder bemüht. Ein beliebter Zirkel in Halle stellte sich gar in die Tradition des Laublinger Dichterkreises, jener barocken Jünglinge, die zwar selbst vom Pietismus beeinflusst waren, aber häufig vor dessen Engstirnigkeit und Genussfeindlichkeit ins Offene des Dörfchens Laublingen flohen (heute Beesenlaublingen).
1960 erschien in Leipzig die erste Ausgabe des Fachblättchens "ich schreibe". Anthologien wurden als klassisches Gruppenmedium wiederentdeckt. Bezirks-, Kreis- und Stadtkabinette für Kulturarbeit zertifizierten Zirkelleiter und ermöglichten hoffnungsvollen Jungautoren u. a. den Zugang zu den "Giftschränken" der Universitätsbibliotheken und der Deutschen Bücherei in Leipzig.
Anders als gerne behauptet, gab es für diese kulturpolitischen Segnungen keine sowjetischen Vorbilder. Östlich von Oder und Neiße war der Literaturbegriff zumeist ein elitärer, wenn man einmal von Proletkult und russischen Gaunerliedern absieht. Die Bewegung schreibender Arbeiter war ein deutscher Sonderweg, dessen "Weisheit des Kollektivs" freilich immer durch Planungs- und Kontrollmechanismen eingehegt wurde.
Im dritten Kapitel wendet sich Rüdiger Bernhardt der Geschichte einzelner Zirkel zu. Etwa der des Berliner Zirkels »Maxim Gorki« am zentralen Haus der DSF. Der wurde ungefragt als "Leuchtturm" aufgebaut, wehrte sich, arrangierte sich, gewann Gestaltungsmöglichkeiten, überdauerte die "Wende" und war später maßgeblich am Aufbau des Archivs schreibender Arbeiter beteiligt. Dann der Zirkel schreibender Arbeit der Leuna-Werke mit seinem vielfältigen und gut dokumentierten Zirkelleben bis 2008. Oder die von Brigitte Reimann und ihren Mitstreitern beeinflussten Laienautoren, die mit ihrem Grundmotiv der Ankunft im Alltag den "Nerv" breiter Leserschichten trafen.
Noch enger eingekreist werden die schreibenden Arbeiter im vierten Kapitel, wo einzelne Schreibende im Mittelpunkt stehen. Etwa der Weißenfelser Autor Lutz Reichelt (Pseudonym Erhart Eller). Während er in den 1980-er Jahren der Ankunftsliteratur zuneigte, mit gelegentlichen Ausflügen zur Friedens- und Abrüstungsdiskussion, wurden nach 1990 Hoffnungslosigkeit und Tragik der Wendeopfer seine bevorzugten Erzählgegenstände. "Auf der Schattenseite" hieß seine 2004 erschienene Geschichtensammlung. Andere haben sich längst dezent aus der Opferrolle geschlichen und verorten sich im modernen Prekariat. Der Erzähler Erhart Eller thematisiert immer noch die dauerhafte Ausgrenzung aus dem traditionellen Arbeitsleben und besteht auf den Rechten seiner Arbeiterlichkeit.
Rüdiger Bernhardt vereinigt Schilderungen der Lebens- und Schaffenswege unbekannter und beinahe berühmter Schreiber zu einem lebendigen Zeitengemälde bis in die Gegenwart hinein. Besonders hat es ihm das Leuna-Zirkelmitglied Lutz Seiler angetan, der 2014 für seinen Roman "Kruso" den Deutschen Buchpreis erhielt. Das "Requiem für die Ostseeflüchtlinge, die bei ihrer Flucht ums Leben kamen" (Buchpreis-Jury) wurde als ultimativer Wenderoman vermarktet und war ungemein erfolgreich. Dabei ließe sich durchaus Kritisches über den Text sagen, allein schon über den Namen der Titelfigur: Alexander Dimitrijewitsch Krusowitsch. Ein Russe mit zwei Vatersnamen und ohne Nachnamen würde wahrscheinlich sofort zum Standesamt eilen, um diesen Zustand zu ändern.
Mir kam Seilers Teil des Textes wie eine ausufernde fanfiction für den Punkstar Aljoscha Rompe (Feeling B) vor, der außer seinem Spitznamen nichts russisches an sich hatte. Rompe war Schweizer Staatsbürger, auf sowjetischen Atom-U-Booten war er wohl nie anzutreffen, dafür häufig in Westberliner Einkaufstempeln. Der Epilog von Seilers "Autorenassistentin" Rebecca Ellsäßer erinnert stark an die Gruselgeschichten von Gruftis, ein weiteres Betätigungsfeld heutiger prekarischer Volkskünstler (siehe auch Rebecca Ellsäßer im Interview mit der FAZ vom 05.10.2014)
Wie Lutz Seiler im Buch stellt auch Rüdiger Bernhardt in seiner Besprechung Bezüge zu zahlreichen weiteren Dichtern her, deren Lektüre für mindestens zwei Jahre germanistischen Grundstudiums ausreichen würde. Dieses Beziehungsgeflecht zu ermöglichen, ist eine weitere Stärke von "Kruso", grenzt aber an namedropping.
Einen typischen schreibenden Arbeiter stellt Rüdiger Bernhardt zum Schluss vor: Rudi Berger kehrte aus dem Krieg heim, wurde Berufsschullehrer, schreibender Arbeiter und freischaffender Autor mit langer Veröffentlichungsliste. 2006 gelang ihm mit "Spitzenrausch" ein Langzeitportrait der vogtländischen Spitzenindustrie. Rudi Berger ist Mitglied im Förderstudio für Literatur e. V. in Zwickau, das sich einmal monatlich trifft, ganz in der Tradition früherer Zirkeltätigkeit.
Ein umfangreicher Quellen- und Anmerkungsteil rundet dieses reichhaltige und zeitgeschichtlich gesehen einmalige Buch ab. Wer wissen will, was es mit den schreibenden Arbeitern in der DDR wirklich auf sich hatte und hat, kommt um dieses grundlegende Werk nicht herum.
Das Buch "Vom Schreiben auf dem Bitterfelder Weg" ist im Neue Impulse Verlag Essen erschienen, es hat 356 Seiten und kostet 19,80 €.