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16.07.16, 19:21:58

Begegnungen auf einem Sonderweg


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Die Geschichte der schreibenden Arbeiter der DDR ist bisher weitgehend ungeschrieben. Einen grundlegenden Beitrag zu einer wissenschaftlichen Bestandsaufnahme dieser emanzipatorischen Strömung der DDR-Kulturpolitik legt nun Prof. Dr. Rüdiger Bernhardt vor: "Vom Schreiben auf dem Bitterfelder Weg" heißt sein 356-seitiges Buch mit dem Untertitel "Die Bewegung schreibender Arbeiter - Betrachtungen und Erfahrungen".
In vier umfangreichen Themenkomplexen nähert sich der Autor mittels kleiner werdender Einkreisungs-Bewegungen seinem Gegenstand. Fleißige Leser der DKP-Zeitung "Unsere Zeit" werden die meisten der zusammengestellten Texte schon kennen.
Das erste Kapitel ist Willi Bredel gewidmet, sicherlich ein "Ahnherr schreibender Arbeiter", wenn auch nicht aller. Vor dem Hintergrund des heraufziehenden Faschismus heroisierte Bredel seinen eigenen Kampf als Betriebsrat und späterer KPD-Funktionär. Seine "Maschinenfabrik N.&K." war der erste proletarische Betriebsroman. Sozialdemokraten hatten darin nichts zu lachen, als Hamburger war Bredel ein getreuer Anhänger der Thälmann-Linie.
Das zweite Kapitel umreißt die Grundzüge einer Geschichte der Bewegung schreibender Arbeiter. Während die Literarischen Salons später noch angemessen berücksichtigt werden, sucht der geneigte Leser die Arbeiterbildungsvereine vergebens. Dabei ist doch das Aufstiegsversprechen "Vom Arbeiter zum Astronomen" (Bruno H. Bürgel) dauerhaft nur in der sozialdemokratischen Version erhältlich, wenn auch mit sinkender Glaubwürdigkeit.
Nun geht es aber richtig los: die 1. Bitterfelder Konferenz ruft 1959 die Kumpel zur Feder. Wobei man die Thesen und Forderungen der Akteure nicht auf die Goldwaage legen sollte. Wie wohl überall schrieb auch in der DDR die große Mehrheit der nichtprofessionellen Autoren im stillen Kämmerlein für die redensartige Schublade. In einer experimentierfreudigen Phase der mittleren Ulbricht-Ära machte die Kulturbürokratie Literaturfreunden ein attraktives Angebot: literarische Bildung satt, repressionsarme Lese- und Gesprächsmöglichkeiten, alles freiwillig, dazu noch die eine oder andere Veröffentlichungsmöglichkeit.
Professionelle Autoren wandten sich der Bewegung schreibender Arbeiter zu, gingen wie Christa Wolf in die Brigaden, wurden Zirkelleiter wie Heiner Müller. Fast alle bekannten Namen der DDR-Literatur kamen irgendwann einmal mit den Zirkeln in Berührung. Viele lesende Arbeiter wurden zu schreibenden Arbeitern. Schreibende Schüler, Militärangehörige und Volkspolizisten strebten der 2. Bitterfelder Konferenz von 1964 entgegen. Immer war alles freiwillig: wer nicht am neuesten Auftragswerk für die Arbeiterfestspiele mitbosseln wollte, blieb entschuldigt zu Hause oder schmökerte in der Gewerkschaftsbibliothek. Gerne sah man sich in der Tradition literarischer Salons seit der frühen Neuzeit. Die Salons der Caroline Schlegel oder Rahel Varnhagen wurden als Vorbilder bemüht. Ein beliebter Zirkel in Halle stellte sich gar in die Tradition des Laublinger Dichterkreises, jener barocken Jünglinge, die zwar selbst vom Pietismus beeinflusst waren, aber häufig vor dessen Engstirnigkeit und Genussfeindlichkeit ins Offene des Dörfchens Laublingen flohen (heute Beesenlaublingen).
1960 erschien in Leipzig die erste Ausgabe des Fachblättchens "ich schreibe". Anthologien wurden als klassisches Gruppenmedium wiederentdeckt. Bezirks-, Kreis- und Stadtkabinette für Kulturarbeit zertifizierten Zirkelleiter und ermöglichten hoffnungsvollen Jungautoren u. a. den Zugang zu den "Giftschränken" der Universitätsbibliotheken und der Deutschen Bücherei in Leipzig.
Anders als gerne behauptet, gab es für diese kulturpolitischen Segnungen keine sowjetischen Vorbilder. Östlich von Oder und Neiße war der Literaturbegriff zumeist ein elitärer, wenn man einmal von Proletkult und russischen Gaunerliedern absieht. Die Bewegung schreibender Arbeiter war ein deutscher Sonderweg, dessen "Weisheit des Kollektivs" freilich immer durch Planungs- und Kontrollmechanismen eingehegt wurde.
Im dritten Kapitel wendet sich Rüdiger Bernhardt der Geschichte einzelner Zirkel zu. Etwa der des Berliner Zirkels »Maxim Gorki« am zentralen Haus der DSF. Der wurde ungefragt als "Leuchtturm" aufgebaut, wehrte sich, arrangierte sich, gewann Gestaltungsmöglichkeiten, überdauerte die "Wende" und war später maßgeblich am Aufbau des Archivs schreibender Arbeiter beteiligt. Dann der Zirkel schreibender Arbeit der Leuna-Werke mit seinem vielfältigen und gut dokumentierten Zirkelleben bis 2008. Oder die von Brigitte Reimann und ihren Mitstreitern beeinflussten Laienautoren, die mit ihrem Grundmotiv der Ankunft im Alltag den "Nerv" breiter Leserschichten trafen.
Noch enger eingekreist werden die schreibenden Arbeiter im vierten Kapitel, wo einzelne Schreibende im Mittelpunkt stehen. Etwa der Weißenfelser Autor Lutz Reichelt (Pseudonym Erhart Eller). Während er in den 1980-er Jahren der Ankunftsliteratur zuneigte, mit gelegentlichen Ausflügen zur Friedens- und Abrüstungsdiskussion, wurden nach 1990 Hoffnungslosigkeit und Tragik der Wendeopfer seine bevorzugten Erzählgegenstände. "Auf der Schattenseite" hieß seine 2004 erschienene Geschichtensammlung. Andere haben sich längst dezent aus der Opferrolle geschlichen und verorten sich im modernen Prekariat. Der Erzähler Erhart Eller thematisiert immer noch die dauerhafte Ausgrenzung aus dem traditionellen Arbeitsleben und besteht auf den Rechten seiner Arbeiterlichkeit.
Rüdiger Bernhardt vereinigt Schilderungen der Lebens- und Schaffenswege unbekannter und beinahe berühmter Schreiber zu einem lebendigen Zeitengemälde bis in die Gegenwart hinein. Besonders hat es ihm das Leuna-Zirkelmitglied Lutz Seiler angetan, der 2014 für seinen Roman "Kruso" den Deutschen Buchpreis erhielt. Das "Requiem für die Ostseeflüchtlinge, die bei ihrer Flucht ums Leben kamen" (Buchpreis-Jury) wurde als ultimativer Wenderoman vermarktet und war ungemein erfolgreich. Dabei ließe sich durchaus Kritisches über den Text sagen, allein schon über den Namen der Titelfigur: Alexander Dimitrijewitsch Krusowitsch. Ein Russe mit zwei Vatersnamen und ohne Nachnamen würde wahrscheinlich sofort zum Standesamt eilen, um diesen Zustand zu ändern.
Mir kam Seilers Teil des Textes wie eine ausufernde fanfiction für den Punkstar Aljoscha Rompe (Feeling B) vor, der außer seinem Spitznamen nichts russisches an sich hatte. Rompe war Schweizer Staatsbürger, auf sowjetischen Atom-U-Booten war er wohl nie anzutreffen, dafür häufig in Westberliner Einkaufstempeln. Der Epilog von Seilers "Autorenassistentin" Rebecca Ellsäßer erinnert stark an die Gruselgeschichten von Gruftis, ein weiteres Betätigungsfeld heutiger prekarischer Volkskünstler (siehe auch Rebecca Ellsäßer im Interview mit der FAZ vom 05.10.2014)
Wie Lutz Seiler im Buch stellt auch Rüdiger Bernhardt in seiner Besprechung Bezüge zu zahlreichen weiteren Dichtern her, deren Lektüre für mindestens zwei Jahre germanistischen Grundstudiums ausreichen würde. Dieses Beziehungsgeflecht zu ermöglichen, ist eine weitere Stärke von "Kruso", grenzt aber an namedropping.
Einen typischen schreibenden Arbeiter stellt Rüdiger Bernhardt zum Schluss vor: Rudi Berger kehrte aus dem Krieg heim, wurde Berufsschullehrer, schreibender Arbeiter und freischaffender Autor mit langer Veröffentlichungsliste. 2006 gelang ihm mit "Spitzenrausch" ein Langzeitportrait der vogtländischen Spitzenindustrie. Rudi Berger ist Mitglied im Förderstudio für Literatur e. V. in Zwickau, das sich einmal monatlich trifft, ganz in der Tradition früherer Zirkeltätigkeit.
Ein umfangreicher Quellen- und Anmerkungsteil rundet dieses reichhaltige und zeitgeschichtlich gesehen einmalige Buch ab. Wer wissen will, was es mit den schreibenden Arbeitern in der DDR wirklich auf sich hatte und hat, kommt um dieses grundlegende Werk nicht herum.
Das Buch "Vom Schreiben auf dem Bitterfelder Weg" ist im Neue Impulse Verlag Essen erschienen, es hat 356 Seiten und kostet 19,80 €.

klima
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