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19.10.19, 20:06:55

Kein CO2 mehr!


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Den Umschlagtitel von Wilko Müllers neuem Buch ziert eine Abbildung jener fliegenden Pyramiden, die im Text das Kohlendioxid aus der Luft filtern und es dauerhaft binden. Eine prosaische Variante der Forderung "Kein CO2 mehr!", die bei einer Fridays-for-Future-Demonstration in Münster minutenlang begeistert gesungen wurde. Ein brandaktuelles Thema, trotzdem ist der "Letzte Zeitläufer" im Bücherstapel auf meinem Nachttischchen mehrmals nach unten gewandert. Das lag daran, dass die Handlung lange nicht in Gang kommt. Im Prolog wird zwar das Erscheinen des extradimensionalen allmächtigen "Dings ohne Namen" angekündigt, aber dann geht es dutzende Seiten erst einmal um Zuzahlverlage, eine marode Druckerei und Urlaubsausflüge einer Kleinfamilie auf Zypern.
Familienvater Martin W. Melnik hat zwar manchmal bedrohliche Träume, aber auf Seite 70 meckern sie immer noch über das Hotelfrühstück. Auf Seite 75 erscheint endlich der graue Typ im Philip-Marlowe-Trenchcoat und mit Schlapphut. Der ist so etwas wie der V-Mann-Führer der Zeitläufer, zeitreisender Superhelden im Auftrag des Dings ohne Namen, einer Mischung aus extradimensionalem Weltgeist und mörderischem Sektenguru. Man erfährt, dass Martin W. Melnik der letzte Zeitläufer ist. Wilko Müllers Zeitläufer sind eher traditionelle Zauberer und Hexen mit Harry-Potter-Allüren. Vor zehn Jahren haben vier von ihnen einen durchgeknallten Schwarzmagier gejagt und schließlich auch zur Strecke gebracht. Drei Zeitläufer wussten zuviel und wurden danach vom Weltgeist in abgelegene Dimensionen verbannt. Martin W. Melnik wurde in einer Art Zeugenschutz-Progamm in einem miesen Druckkostenzuschuss-Verlag untergebracht. Jetzt soll er wieder mal die Welt retten:
Auf einem Ausflug gelangen die Melniks durch eine Schlucht in eine unterirdische Höhle, wo sie das verbotene Buch der Schwarzen Magie wiederfinden: Martin wird zum Schwarzmagier, Andrea zur Hexe und auch Sohn Lars bekommt ein paar magische Fähigkeiten ab. Der Weltgeist spendiert gleich mal 10 Millionen Euro und die Kleinfamilie macht sich das apokalyptische Weltbild der Sekte ohne Namen zueigen, in dem es gilt, die Welt vor dem Untergang durch den Menschen-gemachten Klimawandel zu retten. Der Weltsekten-Obermotz spendiert noch einmal 40 Millionen Euro für die Gründung eines Umweltinstituts auf Zypern. Doch zunächst geht es mit schlichten politischen Morden weiter: Trump und sein Vizepräsident werden aus der Ferne totgezaubert, wenig später auch Putin, Kim Jong-un und eine iranische Führungskraft. Das ist erkennbar der Glaube an die großen Männer, welche die Geschichte lenken. Wenn sie einen Kopf kürzer gemacht werden, sollte alles gut werden. Wird es aber nicht.
Nun sollen technische Utopien die Welt retten, etwa die CO2-Bindung in fliegenden, auf dem Kopf stehenden Pyramiden. Aus denen purzeln unten Betonköttel mit dauerhaft gebundenem CO2 heraus. Die Pflanzen, Algen und autotrophen Bakterien haben die Super-Erfinder nicht gefragt, denn so sehr im Überfluss ist deren Lieblings-Nährstoff nun auch wieder nicht vorhanden. Also müssen weitere Erfindungen her, bezahlen sollen sie die Superreichen.
Strafverschärfend kommt hinzu, dass nun auch noch (fast) der Dritte Weltkrieg ausbricht! In einer viel zu gerafften und lakonischen Sequenz erzählt Müller, wie Melnik mit seinem Zauberlehrbuch wenige Tage in die Vergangenheit reist, dort alle Atomsprengköpfe zu glibbrigem Schleim verhext und dann wie Marty McFly zurück in die Zukunft rast.
Nun kann die Erfinderei weitergehen - mit Steuermitteln, denn inzwischen wird weltweit der CO2-Ausstoß besteuert, der Methan-Ausstoß anscheinend nicht. Dabei ist das Zauber-Umweltinstitut durchaus auf der richtigen Spur, dem Klimawandel global zu begegnen, anstatt nur in Deutschland. Plastik in den Weltmeeren wird als Problem erkannt, Bodenversiegelung nicht, auch die Wüsten-Ausbreitung bleibt unbeackert. Das Buch endet mit zwei weiteren, erzählerisch völlig willkürlichen Phantastereien, denn dank extradimensionalem Technologietransfer können die zypriotischen Umweltforscher sich nun auch teleportieren und per Anti-Schwerkraft herumschweben.
Die superreiche Kleinfamilie Melnik mag nicht schweben. Im geleasten Privatjet düsen sie zwischen Deutschland und Zypern hin und her. In Berlins Speckgürtel fahren sie einen SUV Duster, auf Zypern einen Jeep Renegade. Ihr Luxus-Anwesen in den Bergen der Insel hat einen Dienstboten-Eingang für das Hauspersonal und eine Doppelgarage für den Dritt-SUV der Frau des Hauses. Das hier vorgeführte Leben ist wohl am ehesten mit dem feudalen Gehabe russischer Oligarchen auf Zypern zu vergleichen, dem es wohl auch abgeschaut ist.
Trotzdem sind diesem zwiespältigen Buch mehr Leser zu wünschen, denn wie der synthetische Soßenbinder eines faulen Fernsehkochs verbindet es völlig gegensätzliche Bestandteile der inzwischen gnadenlos zerrissenen Meinungs-Landschaft in den Zeiten des "Klimapakets".

"Der letzte Zeitläufer" von Wilko Müller jr. ist in der Edition Solar-X Zossen erschienen und kostet 10,- €.

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